Tot ist auch, wer vergessen wird

Der erste Weltkrieg hat viele Menschen das Leben gekostet und wird als Zeitenwende bezeichnet. Auch Ansbacher waren an der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts beteiligt. Die Opfer dieser Tragödie dürfen niemals vergessen werden.

von Emanuel Wiesner

Sanft treffen Wellen auf den flach abfallenden Strand der Krim. Feine Schneeflocken funkeln im weißen Licht der Novembersonne des Jahres 1918. Das harmonische Rauschen des Wassers beeindruckt den 26-jährigen Leutnant Ernst Rötter, der zum ersten Mal in seinem Leben das Meer sieht. Er zwingt sich zu einem kleinen Lächeln, vielleicht etwas mehr als das Zucken eines Mundwinkels. Denn er hatte heute schon einmal Grund zur Freude: Der Krieg war endlich zu Ende.
Auszeichnungen schmücken den stolzen Ulan, eine davon bestätigt ihm überragende Tapferkeit. Ernst nimmt die Zügel seines Pferdes fest in die Hand und prüft nochmals den Sitz seines Säbels. Er atmet tief durch und lässt seinen Blick zum Abschied über die tiefblaue Wasserlandschaft schweifen. Mit Freudentränen in den Augen träumt er davon, am Horizont seine Heimat sehen zu können: Ansbach.
Diesen Ausschnitt aus dem Leben des jungen Mannes beschreibt das Buch „Ansbachs Gefallenen zum Gedächtnis“, welches in der Stadtbibliothek zur Ansicht verfügbar ist. Nach vier Jahren kapituliert das Deutsche Reich vor der Entente und ermöglicht so Millionen Soldaten die Heimkehr. Sie alle wussten: Ihre Namen bleiben auf ewig in Erinnerung. „Sie dachten, sie gehen für eine gute Sache in den Krieg“, berichtet Alexander Biernoth, Historiker, Journalist und Geschichtslehrer aus Ansbach. Weiter erläutert er die große Hungersnot, die die Heimkehrer bald erwarten würde. So begannen einige Einwohner aus Verzweiflung, ihre Lederschuhe zu kochen. Daher erfanden sie die „Ansbacher Blunze“, eine Wurst aus Fleischabfällen.
Auf dem fast 2000 Kilometer langen Weg nach Deutschland zurück hatten die Kameraden viel Zeit einander besser kennenzulernen. Wahrscheinlich freundete sich Ernst mit dem 18 Jahre alten Georg an, der erst im letzten Kriegsjahr eingezogen wurde und bis dahin in Ansbach gelebt hatte. Georg kann den Veteranen einiges aus der Heimat berichten. Im Carolinum Gymnasium wurde ein „Kriegsteilnehmerkurs“ eingerichtet, der allen Kriegsfreiwilligen die Hochschulreife versprach. Weiterhin heißt es in dem Aufsatz „Ansbach gestern+heute“ von Hermann Dalhammer: „Jeder Heimkehrer soll mit zwei Biermarken begrüßt werden“. Ernst Rötter hatte den blutigen Krieg tatsächlich überlebt. Seine Familie erwartete ihn knapp vier Wochen nach dessen Ende zu Hause. Wie sein Vater wollte er dort Zahnarzt werden. Allerdings ging dieser Wunsch nicht in Erfüllung: Am Tag vor Heiligabend im Jahre 1918 überfiel eine bolschewistische Bande seinen Zug. Bei diesem Zwischenfall wurde Ernst, der einzige Sohn der Familie Rötter, getötet. Er ist beerdigt auf dem Friedhof von Lolowaja, in der Ukraine.
Aber sein junger Freund Georg Goth hielt sein Versprechen, wieder nach Hause zu kommen. Dort angekommen, erlag er allerdings wenige Tage später einem „inneren Leiden“, denn er hatte den Krieg nur körperlich überlebt. Er starb im Stadtlazarett, dem heutigen Bauhof.
Laut Alexander Biernoth sind 423 Ansbacher im großen Krieg, wie die Menschen den ersten Weltkrieg damals nannten, gefallen. Ob Ernst und Georg dazu gezählt wurden, weiß heute niemand mehr. Die 6 Tafeln an der Sankt Ludwigskirche, die ihre Namen nie vergessen sollten, wurden 1971 aus unbekannten Gründen entfernt. So verschwanden die beiden Männer im Dunkel der Geschichte – bis heute.

Der erste Weltkrieg
wurde ausgelöst durch einen serbischen Attentäter, der den österreichischen Thronfolger ermordet hatte. Die bedingungslose Beistandserklärung des Deutschen Reiches hat dann den Weltenbrand entfacht, der von 1914 bis 1918 etwa 17 Millionen Menschen das Leben kostete. Ein steinernes Denkmal in der Hochschule erinnert an die Ulanen aus Ansbach, eine mit Lanzen oder Säbeln bewaffnete Gattung der Kavallerie.

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