Heilpraktiker oder Doktor?

Das Heilpraktikergesetz selbst gibt es seit 1939, eine rechtliche Verankerung in der heutigen Zeit fehlt aber noch. Obwohl es seit Menschengedenken Naturheilkundler gibt, gehen viele Kranke lieber zum Hausarzt. Das bestätigt eine Statistik aus dem Jahre 2012. Aus der modernen Welt ist die Schulmedizin nicht mehr wegzudenken, oder doch?

Wir werden versuchen herauszufinden, welche Unterschiede die Ärzte selbst sehen. Gesprochen haben wir mit angehenden Ärzten, die kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildungen stehen.

 

Julia Breuker
Julia Breuker

In der grünen Ecke bereitet sich Julia Breuker auf den Kampf vor. Sie ist 27 Jahre alt und angehende Heilpraktikerin (HP) aus Neustädtlein bei Dinkelsbühl. Die zweifache Mutter träumt von einer eigenen Praxis.

 

Alexander Kovacs
Alexander Kovacs

In der gegenüberliegenden blauen Ecke des Rings steht der 27jährige Alexander Kovács, angehender Humanmediziner an der Universität Pécs. Er macht aktuell sein praktisches Jahr in Deutschland und wird 2016 im Bereich der Gastroenterologie promovieren. 

Wir fragen nach

Wo ist die Abgrenzung vom Doktor? Sind beide Berufsgruppen Ärzte?

Das kann man einfach nicht vergleichen. Wir als Heilpraktiker haben deutlich mehr Zeit für die Patienten, schon allein deswegen, weil sie Selbstzahler sind. Das bedeutet, dass ich im Endeffekt soviel Zeit für den einzelnen habe, wie er braucht. Zudem haben wir HPs nicht die gleiche Ausbildung wie ein Arzt, geschweige denn die technischen Gerätschaften. Es ist eigentlich recht einfach: Wir bieten eine ganzheitliche Therapie an, der Arzt behandelt nur nach den Symptomen.

Prinzipiell ist das soweit richtig, HPs haben sicherlich mehr Zeit für die Patienten. Aber wir Ärzte behandeln keinesfalls nur Symptome. Das Problem ist oft die Ursache zu finden – leider können wir oft nur symptomatisch behandeln. Aber in jedem Fall richtig ist, dass wir einen Zeitmangel haben. Wir können das leider nicht anders managen. Theoretisch bekommen wir dasselbe Geld für ein Gespräch von zehn Minuten Dauer, wie für ein 20-münitges.
Allerdings kann ich mir nicht für jeden meiner Patienten soviel Zeit nehmen, da ich in einer normalen Praxis täglich etwa 60 Patienten betreuen werde. Zudem kommt der ganze Schriftkram. Ich muss mir die Zeit mit jedem Patienten genau einteilen, die beste Anamnese hilft nichts, wenn ich danach keine Zeit mehr habe mir eine optimale Therapiestrategie für ihn zu überlegen.

Im Krankenhaus ist es dann aber etwas anders, auf einen Arzt kommen 14 Patienten. Neue Patienten müssen sehr viel intensiver untersucht werden. Die Diagnose ist auch nicht an einem Tag abgeschlossen, sondern die Diagnostik geht über mehrere Tage.

 

Ein normaler Arzt studiert viele Jahre und promoviert um einen Doktortitel zu erhalten – ist die Ausbildung des HP weniger Wert als das Studium?

Wir werden „nur“ einmal geprüft. Im Endeffekt wird aber so sichergestellt, dass unser Wissen so fundiert ist, dass wir den Menschen damit wirklich helfen können. Allerdings denke ich schon, dass meine Ausbildung einen deutlich geringeren Wert hat, als ein Studium.

Ich finde nicht, dass man eine Ausbildung als Heilpraktiker als weniger Wert bezeichnen kann. Ich sehe den großen Vorteil tatsächlich in der Intensivierung der Patientenbeziehung. Zudem gehen Patienten mit psychischen Problemen oft zum HP, vor allem wenn sie nicht zum Psychiater oder Psychologen wollen, da sie sich nicht als psychisch krank abstempeln wollen.
Entgegen aller Schulmedizin können aber HPs bei der Ernährungsplanung mehr als wertvolle Arbeit leisten. Ich denke, eine Kombination aus beidem wäre sinnvoll, wir Doktoren für akutes und HPs für die Krankheitsprävention.

 

Wünscht man sich als HP eigentlich ein richtiger Arzt zu sein?

Ein Arzt hat um einiges mehr Verantwortung, als ich mir auferlegen möchte. In unserem Beruf hast du nicht den Stress, möglichst viele Patienten zu behandeln. Du kannst dir mehr zeit für deine Patienten nehmen. Die Behandlung ist persönlicher und man betrachtet auch die Psyche des Patienten. Die ganze Bürokratie der Krankenkasse fällt auch weg.

Ich denke, das ist bei manchen HPs leider eine Egosache – nicht bei allen! Viele Patienten kommen mit Schwierigkeiten vom Heilkundler. Ein Arzt ist keineswegs perfekt, aber wenn der Patient zu uns kommt und sagt: „Aber mein HP hat gesagt, ..“ verdrehen die meisten Ärzte schon die Augen…

 

Es gibt Dinge, die ein HP rechtlich gesehen nicht dürfen, ist das sinnvoll?

Ja, nach dem Gesetz dürfen wir keine Infektionskrankheiten behandeln und keine rezeptpflichtigen Medikamente verschreiben.

Das Problem ist wenn ein Heilkundler in bestimmten medizinischen Themen Meinungen vertritt, die der Gesellschaft schaden. Zum Beispiel sind Impfungen eine der größten Krankheitspräventionen für unsere Gesellschaft. Ohne diese hätten wir schwerwiegende Probleme in der Medizin und mehr Todesfälle. Ich finde es sehr schlimm wenn Eltern Ihren Kindern Standard-Impfungen verweigern und das Kind dann daran stirbt, wie im Februar eines in Berlin. (Bericht auf sueddeutsche.de)
Auf der Seite impf-kritik.de, ist zu erkennen, dass die meisten Beiträge gegen Impfen meist von Naturheilkundlern geschrieben sind.

 

Was kann man zur Arbeitszeit sagen?

Ich werde in Teilzeit arbeiten, da mir die Lebenszeit wichtiger ist, als das Geld. Zudem kann ich besser für kranke Menschen da sein, wenn ich selbst gesund bin.

Es gibt eine schöne bildliche Beschreibung für uns Ärzte, man stelle sich drei Betten vor. Im ersten Bett liegt ein Lehrer und schläft. Im zweiten Bett, liegt ein Feuerwehrmann, der gerade aufsteht. Das letzte Bett ist komplett gemacht und leer. Das gehört dem Arzt.

 

Was liebt man am eigenen Beruf?

Ich habe ein großes Interesse an den verschiedenen Therapiemöglichkeiten, wie z.B. Akupunktur, Homöopathie, Neuraltherapie. Und natürlich möchte ich Menschen helfen.

Jeder muss das für sich entscheiden – „Menschen helfen“ klingt so abgedroschen. Meine Definition lautet: „Patienten behandeln bereichert mein Leben“.
Aber die Akupunktur als Naturheilverfahren würde ich gerne meine Behandlungsmöglichkeiten aufnehmen – obwohl es eigentlich aus der traditionellen Medizin komm.

Fazit

Nach einigen Runden erklären wir den Kampf für unentschieden! Unsere Interviews zeigen, bestimmte Klischees stimmen. Beide Berufsgruppen haben aber selbstverständlich eine Daseinsberechtigung und sind essentiell für unsere Gesellschaft. Beide leisten einen beachtlichen Teil für unsere Gesundheit.