Heiliger Boden

Die europäischen Ackerböden sind aus geologischer Sicht sehr jung und wenig verwittert. Im weltweiten Vergleich zu anderen Böden enthalten sie viel mehr Nährstoffe und können mehr Wasser speichern. Allerdings lauert eine unscheinbare Gefahr auf sie: Erosion durch Regen.

Eine Reportage von Emanuel Wiesner im Fach Printjournalismus

Hartmut Schwinghammer, seinerseits Landwirtschaftsoberrat, stellt seinen Wagen gezielt auf einem Feldweg in der Nähe von Ansbach ab. Der 44-Jährige im roten Karohemd steigt aus, zieht sich seine  braunen Schnürstiefel an und bewaffnet sich mit einem Spaten. Mit festem Blick stapft er in ein angrenzendes Maisfeld. Es ist Ende Juni, die Schafskälte hält Einzug. Ein ungewöhnlich kalter Wind pfeift ihm um die Ohren. Seine Jacke flattert im heraufziehenden Wetter, als er einen großen Klumpen Erde samt darin steckender Maispflanze einlädt. Über Feldwege brettert er mit seinem silbernen Volkswagen weiter zur nächsten Station. Bei jedem der drei Äcker hebt er mitten im Feld eine Bodenprobe samt Pflanze aus. Mit diesen Proben will der studierte Agrarwissenschaftler heute Abend die Vorteile der Maismulchsaat demonstrieren.

Bereits im vierten Jahr veranstaltet das Amt für Landwirtschaft Ansbach die sogenannten Maismulchsaat-Führungen. Dabei erklären Experten die Vorteile der Mulchsaat vor Ort bei den Feldern der Landwirte. Auf etwa einem Drittel der Ackerflächen um Ansbach wachst Mais. Aufgrund seiner südamerikanischen Herkunft hat der Mais hohe Temperaturansprüche – erst Ende April keimt die Feldfrucht. Die Pflanze benötigt dann mindestens acht Wochen, bis eine geschlossene Blätterdecke den darunter liegenden Boden schützt. Und genau da liegt das Problem: Es handelt sich um einen langen Zeitraum, in dem der Acker Regenfällen und Frühjahrsgewittern ausgesetzt ist. In Folge des Niederschlags auf die kahle Erde verschlammt die oberste Bodenschicht und ihre Wasseraufnahmefähigkeit verringert sich. Die Wassermassen können die Erde nicht mehr durchdringen und fließen an der Oberfläche ab – und spülen Erdreich samt Nährstoffen fort.

„Der Boden ist wie eine dünne Haut, die aber leider nicht nachwächst“, erklärt Schwinghammer den 25 eingetroffenen Landwirten anhand der Bodenproben. Er zerbröselt die Erde zwischen seinen Fingern und zeigt feine Löcher sowie Gänge auf der Oberseite. Er beschreibt den positiven Beitrag der Würmer im Boden: „Man sieht, hier tut sich was!“
Wie erwartet bleibt der Regen nicht aus, ein junger Bauer mit Gel-Frisur zieht sich die Kapuze tief ins Gesicht. Ein Kollege von Schwinghammer, Matthias Rummer, wirkt mit seinem Hut ein wenig wie ein Cowboy. Die beiden Hände aufgestützt auf eine Schaufel versucht er, die Anwesenden von der Maismulchsaat zu überzeugen. Die beiden Männer vom Landwirtschaftsamt wirken wie Marktschreier, die ihr neues Produkt unter die Leute bringen wollen. Einige Zuhörer verfolgen interessiert die Darbietung, andere blättern in den ausgelegten Broschüren, während hinter der Menge zwei untersetzte Männer in Latzhosen ein eigenes Gesprächsthema haben.

Die Hoffnung ist groß, dass in diesem Jahr nach der Maisernte mehr Landwirte auf ihren Feldern eine Zwischenfrucht ausbringen. Im besten Fall sind das Blütenpflanzen, die den Insekten noch bis in den Spätherbst hinein als Nahrungsquelle dienen. Ohne weitere Eingriffe verbleibt die Vegetation danach auf dem Ackerland und friert im Winter ab. Im Frühjahr ist der Boden dann mit Mulch bedeckt, der auftreffende Regentropfen bremst. So wird die Verschlämmung und somit das Risiko der Erosion stark vermindert. Das abgestorbene Wurzelwerk der Zwischenfrucht ist für Regenwürmer, die den Boden wieder auflockern, ideal als Nahrung geeignet. Die durch Pflanzen und Bodenlebewesen entstandenen Gänge steigern zudem die Fähigkeit des Bodens, Wasser zu speichern.

Nun sind alle eingeladen mit den Experten über den Acker zu gehen und sich den Boden genau anzusehen. Unter ihren Füßen sehen die Besucher die Reste der Mulchsaat aus dem letzten Jahr. Das Land, auf dem die knapp zwei Dutzend Interessierten eine Maispflanze nach der anderen umtreten, gehört Bauer Härpfer, ein kleiner schmaler Mann mit starkem fränkischen Akzent. Er erklärt den durchgeweichten Zuhörern, dass er zufrieden mit dem Ergebnis seiner Zwischenfruchtsaat ist. Als die Nacht hereinbricht sind die meisten Bauern durchgefroren und machen sich auf den Heimweg.

Auch wenn Landwirtschaft eine Wissenschaft am Schreibtisch sein kann, treffen sich hier Menschen, die nach Möglichkeiten zur Ertragsoptimierung suchen und diese diskutieren. Es sind ganz normale Leute in Jeans, die bei Regen in einem Maisfeld bei Neunkirchen (LK Ansbach) stehen. Nach einem letzten Plausch unter Kollegen lädt Schwinghammer die ausgelegten Broschüren und Klapptische rasch in seinen Kombi. Die Flyer sind komplett durchnässt – ob auch ihnen eine Mulchsaat hätte helfen können?