Der Erdenmensch – Die letzte Wahl

Ein Kommentar von Emanuel Tobias Wiesner

Mit jedem Jahr, das in meinem Leben verstreicht, merke ich nun doch immer mehr, wie es ist älter zu werden. Mir ist die Zeit mittlerweile bewusster geworden. Sie fühlt sich an, wie eine Konstante, die schneller zu werden scheint. Und jetzt habe ich das Gefühl, sie läuft mir davon.

Ich bin Optimist – zumindest halte ich an diesem Glauben weiter fest. Mittlerweile ist mir aber eines klar geworden: Selbst die fundamentalsten Überzeugungen der Menschen in meinem Umfeld sind nur Beschreibungen für etwas Vorgehaltenes. Auch bei mir.
Denn wir sind mehr als das. Mehr als Faschischten, Marxisten, Rassisten, Kapitalisten oder Christen. Mehr als Anarchisten, Homophobe, Homosexuelle, Bisexuelle, Transgender, Gender, Hipster, Hippies, Ökos oder Esoteriker.
Mehr als Politiker, Verdrossene, Abgehängte, Verletzte, Opfer und Täter.

Wir sind Menschen. Wir Menschen sind ein Wunder der Geschichte. Wir sind Nachfahren der Leute, die nach 30 Jahren Krieg in weiten Teilen Europas beschlossen haben, dass wir Menschen sind – unabhängig der Religion. Des Weiteren sind wir Nachfahren der Überlebenden des „großen Krieges“ um sinnlose Machtdemonstration, der keine Sieger hervorgebracht und die ganze Welt in Brand gesteckt hat. Wir sind die Erben einer Linie, die erkannt hat, dass Rassismus, in welcher Form auch immer, Leid verursacht – mit Millionen toten Mädchen, Frauen, Jungen und Männern.  
Mit hunderttausend Krüppeln, Vermissten, Verhungerten, Gefolterten, Vergewaltigten und so unsagbar vielen Verbrechern gegen die Menschlichkeit. Aber wir sind auch die Sprösslinge von Menschen, die diese Kriege immer wieder beendet haben.

Wir sind Geschöpfe einer Linie, die Jahrtausende voller Ausbeutung, Vertreibung, Migration, Massenmord, Religionsfragen und Pandemien überlebt haben. Und all diese schrecklichsten Ereignisse haben sich Dekade um Dekade, Jahrhundert für Jahrhundert immer und immer wiederholt. Vielleicht sind wir nicht schlau genug um aus der Geschichte zu lernen, nicht umsonst sollen frische Wunden so schnell wie möglich verheilen. Nach den Teilungen so vieler Völker und Staaten, die nur der Nährboden für Leid und Verbitterung waren.

Wir haben auf so viele Fragen noch keine Antworten gefunden, für unzählige Probleme noch keine Lösungen. Es gibt so viele Grausamkeiten auf der Erde, die klar machen, dass wir an vielen Stellen falsch abgebogen sind. Wir sollten über so viele Dinge sprechen, die repariert und korrigiert werden müssen. Aber das, was wir in den kommenden Jahren diskutieren, wird direkte Auswirkungen auf unser aller Leben haben. Denn es wird sich entscheiden, ob das nächste Jahrhundert das Letzte sein wird. Lasst uns jetzt darüber sprechen. Wir müssen lauter über unseren Planeten sprechen – über den einzigen.

Hass, Wut und Neid unter den Menschen mögen unendlich sein, die Ressourcen unseres Planeten sind es nicht. Wir müssen unser Konsumverhalten und unsere Ansprüche überdenken. Wir müssen diskutieren, wie sich Energie und Nachhaltigkeit sinnvoller in unser Leben integrieren lassen. Der Schutz unser aller Heimat muss gesetzlich verankert werden und diese Pflicht jedem Einzelnen bewusst werden. Das mag überspitzt klingen, aber globale anthropogene Veränderungen benötigen mindestens Jahrzehnte.
Sobald wir eine saubere Atmossphäre, reichlich Trinkwasser und gesunde Böden für unser Leben haben, können wir wieder über alles andere streiten.
Wenn die Permafrostböden gerettet, die Biodiversität erhalten wird und die Ozeane ihre Reinigungsfunktion wieder wahrnehmen können – dann haben wir vielleicht wieder Zeit um die schon immer vorhandenen Probleme der Menschheit zu lösen.

Und falls sich herausstellt, dass es den Klimawandel doch nicht gibt, nicht durch den Menschen verursacht ist, oder die beinahe Zerstörung der Ozonschicht in den 1980er und 90er Jahren als großer Schwindel entlarvt wird – Dann haben wir im schlimmsten aller Fälle eine atembare Luft, saubere Ozeane (die so wichtig für die Erde sind) sowie gesunde und nachhaltig produzierte Nahrung. Damit sollte es sich – wie gesagt, schlimmstenfalls – etwas schöner Streiten lassen.

Wie wir entscheiden, welchen Weg wir wählen ist entscheidend: Es ist globaler und weitreichender als jemals zuvor. Ich habe diesen einen Traum: Dass wir das schaffen, als eine Menschheit, als eine Spezies. Dass sich niemand hinter einer Geschichte versteckt, sondern jeder nach vorne blickt und für uns alle einsteht. Ich habe diesen Traum: Dass wir alle Menschen sind.

Bestenfalls zitiert man jemand anderen, wenn dieser es schon besser zum Ausdruck gebracht hat, als man es selbst könnte. Selbst wenn es nicht um die Königtümer Gondor und Rohan geht und der Westen auch immer im Osten liegt, möchte ich hier Tolkien heranziehen:

Söhne (Gondors und Rohans), meine Brüder!
In euren Augen sehe ich dieselbe Furcht, die auch mich verzagen ließe. Der Tag mag kommen, da der Mut der Menschen erlischt, da wir unsere Gefährten im Stich lassen und aller Freundschaft Bande bricht. Doch dieser Tag ist noch fern.
Die Stunde der Wölfe und zerschmetterter Schilde, da das Zeitalter der Menschen tosend untergeht, doch dieser Tag ist noch fern!
Denn heute kämpfen wir! Bei allem, was euch teuer ist auf dieser Erde, sage ich: Haltet stand, Menschen (des Westens)!“
 (J.R.R. Tolkien – Die Rückkehr des Königs, 1954-2014)