Ein Leben als Selbstversorger – die Hintergründe

Wieso sich Menschen gegen die Gemeinschaft entscheiden

Selbstversorger – heute ein Begriff, den wir alle kennen. Dahinter verbirgt sich in erster Linie eine autarke Lebensweise: Eine von anderen Gemeinschaften, Staaten und Wirtschaftskreisläufen unabhängige Lebensführung. Selbstversorger leben allein oder in Gruppen zusammen, in jedem Fall konsumieren sie nicht wie wir. Der Fokus liegt dabei auf der Nahrungsmittelproduktion.

Was früher auf dem Land selbstverständlich war, wurde zur Zeit der Industrialisierung auch in die Städte getragen. Aufgrund von Armut und einem Leben am Existenzminimum wurde immer deutlicher, dass auch die Städter selbst anbauen müssen. So entstanden die heute bekannten Schrebergärten und Kleingartenanlagen. In Zeiten von Klimaerwärmung und Globalisierung kann ein Leben alleine eine Alternative sein – alleine bedeutet nicht einsam.

Leitprinzip der Selbstständigkeit

Nebel auf der Wiese
Ein Leben im Einklang mit der Natur

Das Wichtigste: Die tief verankerte Hoffnung sein eigenes Dasein in die Kreisläufe der Natur zu integrieren und nicht anders herum. Nachhaltiges denken anstatt Wegwerf-Gesellschaft. Eigentlich jeder würde behaupten, unseren Planeten und die Umwelt zu achten – allerdings spiegelt sich das in unserem Konsumverhalten nicht wieder. Bei den ersten Gedanken an Selbstversorgung wird klar, eine Kreiswirtschaft – wenn auch im kleinen – muss her. Wer einen Baum fällt, muss einen neuen dafür pflanzen, ansonsten bleibt irgendwann nichts mehr übrig. Die Devise: Nichts wegwerfen!

Ein „entschleunigtes“ Leben mit anderen Idealvorstellungen

Ein ruhigeres Leben wünschen wir uns alle. Nur etwa ein drittel der Deutschen fühlt keinen Stress. Weg von überladenen Tagen und einer Gesellschaft, die auf immer mehr Wachstum ausgelegt ist. Im Leben eines Selbstversorgers gibt es keinen Burnout, keine Leistungsgesellschaft hat hier Zugriff. Keine Statussymbole sind wichtig. Ein Leben in der Natur birgt viel Spielraum für individuelle Entfaltung und somit die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung – für alternativ denkende Menschen.

Zuchini im Pflanzeimer
Selbst angebautes Gemüse ist meist ökologisch nachhaltiger

Wer sein eigenes Essen anbaut, achtet sowieso im Normalfall darauf, es biologisch anzubauen. Das bedeutet: Ohne künstliche Hilfsmittel wie Gifte oder Kunstdünger. Bio-Gemüse beinhaltet in der Regel mehr Nährstoffe und wird schonender hergestellt. Eine weitere Ausbaustufe dieser Landwirtschaft eine „biovegane“ Bestellung der Felder, also auch ohne tierische Gülle. Hier werden dann unter anderem Gründünger und Kompost verwendet.

Tolle Alternativen

Bereits die einfachsten Dinge, die ein Mensch so benötigt, sind bis ins kleinste Detail wohl überlegt. So wird Zahnpasta selbst aus Pflanzen hergestellt, Spülmittel durch Molke ersetzt und Shampoo erst gar nicht benötigt. Nebst Kleidungstücken werden auch Werkzeuge und Möbel selbst gemacht. Das zentrales Anliegen ist die optimale Verwendung von Ressourcen, vor allem beim Thema Wasser. Ob Regenwasserdusche oder Mehrfachverwendung von Abwasser.

Kräuter in Anzuchttöpfen
Aus Kräutern lassen sich viele Haushaltsmittel herstellen

Raus aus der Gesellschaft

Kein Klo, kein Strom, kein Plastik, kein fließend Wasser, wollen Selbstversorger damit den schädlichen Einfluss der Menschheit auf die Erde gut machen? Selbstverständlich. Allerdings gibt es verschiedene emotionale Sichtweisen auf das Thema. Verabscheuen die autarken die Gemeinschaft? An dieser Stelle möchten wir zwei Selbstversorger vorstellen.

Michael Hartl lebt in einem großen Weinbaugebiet in Niederösterreich. Uns verrät er:

„Wir sind ja gar nicht raus aus der Gesellschaft. Wir sind wenn dann Einsteiger. Wir sind tiefer vernetzt und in ehrlicheren Verbindungen, als wir das je zuvor in unserem Leben kennengelernt haben. Unser Hauptbeweggrund ist weder Wut noch Verzweiflung, sondern die Freude daran, in der Natur zu sein, der feste Glaube daran, dass eine andere Welt möglich ist und unsere Liebe am konstruktiven Gestalten und Schaffen. Und wenn wir dabei sogar noch ein paar Menschen inspirieren sollten und auch wirtschaftlich um die Runden kommen sollten, dann wäre das was!“

Michael Hartl betreibt einen einzigartigen Blog um über sein mittlerweile fünf Jahre andauerndes Experiment der Selbstversorgung zu schreiben. Durch diesen finanziert er die nötige Zeit und Technik um seinen Versuch zu dokumentieren. Auf seiner Internetpräsenz finden sich hunderte einzigartiger Ideen wie eine einfachere und bessere Welt für jeden von uns realisierbar ist. Sämtliche bereits genannten Alternativen zu alltäglichen Konsumgütern beschreibt er auf seiner Seite – einfach zum Nachmachen: Experiment Selbstversorgung

Gottfried Stollwerk lebt außerhalb der Gesellschaft. Er bewirtschaftet (fast) alleine einen zehn Hektar großen Hof in Niedersachsen mit Vieh. Gottfried Stollwerk wuchs auf dem Gehöft auf lebt dort mittlerweile mit seiner Lebensgefährtin. Der über 50-Jährige ist verärgert über die maßlose Rohstoffverschwendung unseres kollektiven Destruktivismus. Eine absolut sehenswerte Reportage (40 Minuten) über sein Leben ist vor einigen Jahren im ZDF ausgestrahlt worden:

Seinen Tagesablauf selbst zu bestimmen und sein Leben der Natur zu schenken – wer auf Konsum im wirtschaftlichen Sinne verzichten kann, für den ist ein Leben als Selbstversorger durchaus denkbar. Michael Hartl und andere laden zum mit- und nachmachen ein!

Quellen:
1. Statista – Umfrage: Wie gestresst fühlen Sie sich?
http://de.statista.com/statistik/daten/studie/167423/umfrage/stress-selbsteinschaetzung/

2. ZDF Mediathek – Mensch Gottfried
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1671744/Mensch-Gottfried#/beitrag/video/1671744/Mensch-Gottfried

3. Michael Hartl im Interview (Mail) & Experiment Selbstversorgung
experimentselbstversorgung.net

Video: Embedded YouTube
Bilder: Emanuel Wiesner